Newsletter-Kurzgeschichten «Fails» aus dem Musikerleben

Während vieler Jahre habe ich zu meinen Newslettern jeweils eine kurze Geschichte aus meinem Musikerleben geschrieben. Die vielen positiven Reaktionen haben mich immer wieder erstaunt. Es ist wohl ein menschliches Grundbedürfnis und wohltuend, wenn man liest, dass auch Profis mit langer Erfahrung einfach nur Menschen mit Fehlern und Unzulänglichkeiten sind...

Conquest Of Paradise oder Die Tücken der Technik

Vor vielen Jahren amtete in der katholischen Kirche in Interlaken ein Pfarrer, der sehr gerne laute Trompetenmusik hatte. Die Musik sollte möglichst pompös und klangvoll von der Empore erschallen, was durchaus in meinem Sinne war.

Für einen Erstkommunions-Gottesdienst bat er mich das Stück „Conquest Of Paradise“ als Eingangsspiel einzustudieren und mich dabei von einem Orchester ab CD begleiten zu lassen - es sollte möglichst orchestral und bombastisch klingen.

Ich brannte mir die Begleitung auf eine CD und begab mich mit Trompete, Aktivbox und CD-Player in Richtung Gotteshaus. Dort richtete ich alles ein. Perfektes Setup. Die Übertragung vom CD-Player auf die Aktivbox funktionierte einwandfrei. Es konnte also losgehen.

Die Glocken läuteten. Unten beim Eingang warteten erwartungsfroh ein Bischof, ein Pfarrer und etwa zwanzig Erstkommunionskinder. Nachdem der letzte Glockenschlag verklungen war, startete ich den CD-Player. Tam ta ta ta tam ... und Einsatz! Wunderbar!

Dummerweise hatte ich CD-Player und Aktivbox auf dem gleichen Stuhl platziert. Jetzt wurde das Playback lauter und die Bässe hauten so richtig unten rein. Das wiederum hatte zur Folge, dass der CD-Player vor Freude zu hüpfen anfing. Wenn CD-Player springen, machen sie das ohne erkennbares Muster. Ich irrte also ziel- und planlos in „Conquest Of Paradise“ umher und versuchte irgendwie eine sinnvolle Musik zu produzieren…dazwischen erreichte ich glücklicherweise den Lautstärke-Knopf und konnte der Hüpferei ein Ende bereiten. Schweissgebadet erreichte ich die Coda und das Fine. Seit jenem Tag habe ich nie mehr einen CD-Player als Abspielmedium für ein Playback verwendet… und spiele am liebsten mit Musikern aus Fleisch und Blut - obwohl die manchmal auch in den Stücken umherirren...

Parkplatz

Vor einigen Jahren bin ich mit drei Kollegen aus Bern nach Basel zu einer Probe gefahren. Die Probe fand im Gebäude der Jazz Schule statt. 

Gleich daneben entdeckten wir einen grossen Platz, welcher völlig leer stand. Da Parkplätze in grossen Städten ein rares Gut sind, haben wir uns natürlich gefreut und

unser Auto sofort auf besagtem Platz abgestellt. Die Probe verlief sehr zufriedenstellend und so gegen 23 Uhr wollten wir uns dann auf den Heimweg machen.

Da haben wir dann auch entdeckt, weshalb sich der Platz ein paar Stunden früher so einladend leer präsentiert hatte. 

Ein grosses Schiebetor, welches wir (natürlich) übersehen hatten, wird jeden Abend um 20 Uhr geschlossen…

Dann begann die grosse Debatte darüber, wie man jetzt hier wieder wegkommen könnte… 

es blieb mir nichts anderes übrig als um 23 Uhr nachts den Abwart aus dem Bett zu läuten und ihn zu bitten, das Tor zu öffnen.

Sie können sich vorstellen: es gibt angenehmere Dinge im Leben...

Helios

Vor 29 Jahren hatten Rolf und ich unsere ersten Auftritte mit unserem Unterhaltungs-Duo. Mit einem riesigen Ungetüm von elektronischer Orgel (Wersi Helios, gefühlte 500kg) waren wir an Hochzeiten und Festen unterwegs. So einmal auch im malerischen Bergdorf Mürren. Nach dem Auftritt übernachteten wir im Hotel. Am nächsten Morgen hoben wir die Helios auf einen Elektrowagen. Pilotiert wurde das offene Transportvehikel von Antonio, dem netten portugiesischen Portier. Bei der Einfahrt in den Bahnhof ist er aber leider etwas zu scharf in die Kurve gestochen. Die Seitenwand der Orgel blieb an einer Betonwand hängen und die ganze Elektronik und die beiden Tastaturen krachten zusammen wie ein Kartenhaus.

Da die Orgel ein Occasions-Eigenbau war, hielt sich die Trauer über den Schaden in Grenzen, zumal sich die Versicherung kulant zeigte. So bin ich unverhofft zu einem neuen Modell gekommen…heutige Keyboards wiegen noch 15kg und klingen gefühlte 500 Mal besser...

Radio

Die Geschichte im Monat September habe ich nicht selber erlebt. Ich finde sie aber so umwerfend, dass ich sie Ihnen nicht vorenthalten will.

Vor etwa zwei Wochen hat mein Bruder Rolf in einer Alterssiedlung mit einer Jazz-Band gespielt. 

Da kommt ein betagter Bewohner zu ihm und fragt neugierig: "Spielt ihr auch Ländler?!".

Mein Bruder verneint. Darauf posaunt der Rentner: "Hab ich mir schon gedacht! Wenn ihr ein Radio wärt, dann würde ich euch abstellen!"

Peinlich, peinlicher, am Peinlichsten….

Bei einem unserer ersten alljährlich stattfindenden Weihnachtskonzerte mit dem Swiss Brass Consort im KKL Luzern, widerfuhr einem unserer Posaunisten (der Name ist mir bekannt…) ein peinliches Missgeschick.

Er hat nach der Vorprobe seine Noten in den Backstage-Bereich genommen. Punkt 19.30 Uhr betraten wir im Frack und mit roter Fliege die Bühne. Der Saal war wie in jedem Jahr bis auf den letzten Platz besetzt. 

Dann plötzlich verlässt besagter Posaunist fluchtartig die Bühne. Niemand versteht was passiert. Als er zurückkommt ist es allen klar. Er hat seine Noten vergessen. Peinlich, peinlich. Jeder Mitmusiker war froh, dass ihm dieses Missgeschick nicht passiert ist!

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Einige Jahre später: Weihnachtskonzert. KKL ausverkauft. Wir warten hinter der Türe auf unseren Auftritt. Wir konzentrieren uns und reden ein bisschen. Ich erinnere mich an die oben geschilderte Begebenheit und wir lachen darüber.

Die Bühnentüre geht auf, wir betreten die Bühne. Ich stelle mich hinter meinen Notenständer und verbeuge mich zusammen mit meinen Mitmusikern. Da stockt mir der Atem und ich traue meinen Augen nicht: mein Notenständer ist leer! So leer wie die Trophäensammlung der Schweizer Skinationalmannschaft in diesem Winter.

Ich kann meine Stimmen nicht auswendig…also raus hier! Ich bewege mich wieder zurück Richtung Tür, in der Hoffnung, dass mich die 1820 Zuschauer nicht bemerken…hole meine Noten und komme nach einer Minute zurück.

Tosender Trostapplaus machte die Sache ein wenig erträglicher.

Immerhin hatte mein Posaune spielender Musikerkollege noch etwas mehr Pech gehabt: er versuchte es nämlich zuerst bei der Türe auf der gegenüberliegenden Seite. Diese war aber zu seinem Entsetzen verschlossen. 

So blieb ihm nichts anderes übrig, als über die sich in diesem Augenblick so gross wie die Wüste Gobi anfühlende KKL-Bühne zur anderen Türe zu begeben und dort sein Glück zu versuchen.

Seit diesem Weihnachtskonzert habe ich meine Noten nie mehr vergessen…

Brothers

Gestern vor 30 Jahren (am 1.8.1983) hatten mein Bruder Rolf und ich im zarten Alter von 21 und 17 Jahren unseren ersten Auftritt als Duo Haesler Bros.

In der Krone in Kerns haben wir unsere ersten Versuche als Duo gemacht. Eine Aufnahme existiert. Sie wird allerdings in Fort Knox unter Verschluss gehalten und niemals auf Youtube erscheinen…

In diesen dreissig Jahren haben wir der Juristenzunft in die Hände gespielt: an über 600 Hochzeiten haben wir die musikalische Umrahmung gemacht und dabei so manch spannendes Gesellschafts-Spiel kennengelernt ;-)

In früheren Newsletters hatte ich ja schon von einigen interessanten Vorfällen berichtet. Da gab es zum Beispiel das Verschwinden meiner Wersi-Orgel durch den Heckklappen-Ausgang des Autos während des Bergauf-Fahrens (mit dieser Orgel habe ich an diesem Abend noch gespielt…),

da gab es den portugiesischen Elektrowägeli-Fahrer in Mürren, der mit meiner Orgel an einem Betonpfeiler eingefädelt hat und es gab unzählige weitere kleine Vorfälle, die uns auf Trab gehalten haben.

Wir sind dankbar, dass wir während dieser langen Zeit so viele Menschen kennenlernen durften und ihnen mit unserer Musik Freude bereiten konnten. Dank dieser Arbeit waren wir anfangs in der Lage unser Musik-Studium zu finanzieren und später konnten wir uns neben unseren Luxusjachten auch Mal einen kleinen Lear-Jet kaufen.

In diesen 30 Jahren hatten wir immer eine gute und stressfreie Zusammenarbeit und Aufgabenverteilung. Ab und zu mussten wir improvisieren, weil einer dies und der andere das vergessen hatte (Stichwort "braune Schuhe" zu schwarzer Schale, Trompetenspielen ohne Mundstück etc.)

Ich sage Rolf an dieser Stelle ein grosses MERCI Keep swinging!

Thuner Seespiele

Diese Geschichte ist brandneu und fand vor meiner zweitletzten Show an den Thuner Seespielen statt. Am Vormittag dieses Tages probte ich mit meinem Bruder Rolf und Markus Aellig in der Stadtkirche Thun für unsere Abendmusik am kommenden Freitag (siehe oben). Da ich viele Dämpfer und das Flügelhorn dabeihatte, packte ich alles in einen meiner grossen Koffer. Für den Job im Orchester der Thuner Seespiele brauche ich nur die Trompete. Deshalb legte ich sie am Abend vom Koffer in einen handlichen Gig-Bag. Dabei bemerkte ich aber nicht, dass sich der Zug beim ersten Ventil von der Trompete gelöst hatte. Ich fahre also gemütlich zum Nachtessen nach Thun und betrete zehn Minuten vor der Show den Orchestergraben, um mich an meinem Platz einzurichten. Als ich meine Trompete zum Gig-Bag rausnehme: Oh Schreck. Der Zug am 1. Ventil fehlt!! Ohne diesen Teil ist es unmöglich zu spielen. Zum Glück wohnt mein Trompeterkollege, welcher ebenfalls in Thun spielt nur ein paar hundert Meter von der Seebühne. Wir rufen seine Frau an. Sie muss in den zahlreichen Trompeten von André zuerst die richtige finden., dann einpacken und per Fahrrad wird sie mir zum Eingang geliefert. Eine Minute vor Show-Beginn nehme ich die Trompete von ihr in Empfang und bin einigermassen erleichtert…! (Merci Ändu & Renate!!)

Zur falschen Zeit am richtigen Ort

In der achtköpfigen Sinatra-Tribute Band gibt es immer wieder die Situation, dass ein Bandmitglied an einem bestimmten Termin nicht verfügbar ist. So habe ich auf fast jedem Posten mindestens einen valablen Ersatzmann.

Für ein privates Fest waren wir an einem 28. Juli in einem noblen Etablissement in Thun gebucht. Die Band war bis auf den Schlagzeuger original besetzt. Als Ersatzmann fragte ich im Vorfeld S. aus B. (Name der Redaktion bekannt) an.

Telefonisch und auch per Gig-Info via Mail wurden alle nötigen Informationen ausgetauscht. Am 20. Juli spielte die Sinatra Tribute Band in kompletter Originalbesetzung am Rheingau-Festival in Deutschland. 

Beim Nachtessen bekomme ich einen aufgeregten Anruf von S.: „Wo seid ihr?“ – Ich: „Wie bitte?“ – S: „Irgendwie weiss hier niemand etwas von Musik und so…!“

Falscher Wochentag und falsche Woche. Der Super-GAU für jeden Musiker. Immerhin eine Woche zu früh und glücklicherweise nicht zu spät… – das Zeitmanagement hat also noch Potential!

Der Gig am 28. war dann übrigens astrein! 

Mister Yamaha on drums

Seit 1995 spiele ich mit grossem Spass in der Second Line Big Band. In unseren Anfängen waren wir stets auf der Suche nach Auftrittsmöglichkeiten in der Region.

Am 13. August 1998 Stand ein Konzert am Quai in Bönigen auf dem Programm. Die Wetterverhältnisse waren ähnlich wie in diesem Sommer: wechselhaft, kühl und unbeständig. 

Wir bauten unser Equipment beim Ländtehaus auf. Das Konzert sollte um 19.30h beginnen. 

Dreissig Minuten vor Beginn, war vom Schlagzeuger noch nichts zu sehen. Niemand hatte damals ein Handy – schon gar nicht der vermisste Schlagzeuger…

19.30 Uhr rückte näher – unser Schlagzeuger aber leider nicht. Zufälligerweise hatte ich an diesem Abend mein Keyboard im Auto meines Bruders.

Als wir Gewissheit hatten, dass wir noch lange auf einen Drummer warten würden, haben wir uns entschlossen mein Keyboard mit Begleitautomatik an die Lautsprecher anzuschließen 

und das Schlagzeug durch Herrn "Yamaha" spielen zu lassen. Ich spielte also meine Trompete und bediente zwischendurch mit der linken Hand und dem Fussschalter mein Keyboard. Es war grauenhaft! 

Ein Big Band mit einem Begleitautomaten… – Die dritte Nummer hiess „Stormy Weather“ und machte ihrem Namen zum Glück alles Ehre. Es begann zu regnen und wir hatten unseren Schlagzeuger sehr rasch am Trockenen...

Noch nie in meinem Musikerleben, habe ich mich derart über einen Regenguss gefreut wie an jenem Abend in Bönigen am See!!

 

P.S. es handelt sich übrigens nicht um den gleichen Drummer wie im letzten Newsletter – der kommt ja jeweils eine Woche zu früh...

Das Schweigen der Orgel (I)

Die Trompete ist in kirchlichen Räumen ein gefragtes Instrument. Zur musikalischen Umrahmung sowohl fröhlicher als auch trauriger Ereignisse werde ich immer wieder angefragt.

Gerne umrahme ich mit meinen Trompeten-Klängen diese unterschiedlichen Anlässe und freue mich, wenn die Menschen anschliessend zu mir kommen und mir mitteilen, dass sie sehr gerührt oder begeistert waren.

Eine grosse Unbekannte in der Gleichung "Trompete + Orgel = berührende Musik“ ist jeweils die lokale Fachkraft an der Orgel.

So habe ich vor längerer Zeit im Berner Oberland zwei doch ziemlich einschneidende Erfahrungen gemacht. Aus Rücksicht auf die betroffenen Personen (denen ich aber nicht böse bin) nenne ich hier keine Orte. 

An einer Beerdigung habe ich ein langsames Adagio zum Besten geben wollen. Beim Üben hatte ich bereits gemerkt, dass Adagio doch wohl etwas schnell war. Der relativ lange Satz wurde also zum Grave degradiert und dadurch sehr sehr lange …

Immerhin konnten wir den Satz von Herrn Händel an der Vorprobe doch ganz passabel durchspielen. Leider verlor meine Begleiterin dann, als es zählte bereits nach wenigen Takten den Faden und ich kämpfte mich solo durch vier Minuten (gefühlte vier Stunden) Adagio. 

Natürlich finden genau diese Ereignisse natürlich in Kirchen statt, wo die Orgel vorne und für jeden gute sichtbar platziert ist. So auch im zweiten Beispiel: diesmal handelte es sich um eine Konfirmation. Die Kirche ist bis auf den letzten Platz besetzt.

Die Probe am Vortag geht recht entspannt über die Bühne. Kurz vor dem Konfirmationsgottesdienst kommt meine Begleiterin dann ganz aufgeregt auf mich zu und warnt mich, sie hätte ein paar Beruhigungspillen nehmen müssen. Sie sei halt „schüüli“ nervös wenn die Kirche so voll sei. Um zehn Uhr verklingen die Glockenklänge. Wir starten unser Eingangsspiel. In Takt sechs passiert mir eine kleine (ich schwöre: ein wirklich kleine!) rhythmische Unsicherheit. Da stoppt die Organistin und sagt laut und deutlich: „Sie Herr Häsler, das geht aber nicht so!“. Ich glaubte mich trifft der Schlag. Zurück zum Start wie beim «Eile mit Weile». Im zweiten Anlauf klappt es besser – bis etwa drei Zeilen vor Schluss. Dann ist hinter mir nur noch Ruhe - Grabesstille - Schweigen - Sendepause. Ich möchte einfach nur noch wegrennen …

In diesen Moment lernt man etwas Wichtiges: man darf sich nicht zu ernst nehmen!

Das Schweigen der Orgel (II)

Im November hatte ich ja schon von zwei unvergesslichen Begebenheiten mit Organistinnen berichtet. Aller guten Dinge sind drei. Deshalb hier die letzte Kurzgeschichte zum Thema:

Abdankungen werden aus naheliegenden Gründen in der Regel ziemlich kurzfristig organisiert. Deshalb bleibt den Beteiligten nicht viel Zeit, um die nötigen Vorbereitungen zu treffen. Ich wurde also drei Tage vor dem Abdankungsgottesdienst angefragt, ob ich spielen würde. Da ich das gerne mache, sagte ich zu und bekam die Adresse der Organistin. Wenn ich telefonisch Kontakt aufnehme, versuche ich aus dem Gespräch jeweils herauszuhören, wie in etwa der Form- und Ausbildungsstand der betreffenden Person ist. Ich bekam dann zu hören: „Kein Problem, ich spiele alles und habe auch schon mit ihrem Kollegen (Name ist mir bekannt …) gespielt.“ Die Aussage "mit dem Kollegen" hat mich einerseits beruhigt, andererseits hatte ich etwas Mühe mit dem „kein Problem, ich spiele alles“. Ich dachte mir also: „Nimm trotzdem etwas nicht allzu Schwieriges …“ und schickte die Noten der drei Stücke per Express-Post (die Geschichte spielt in der Vor-Internet-Zeit und ein Versand per Mail war deshalb noch nicht möglich). Von der Organistin hörte ich nichts mehr ...

Am Tag der Abdankung traf ich eine Stunde vor Beginn des Gottesdienstes ein, damit wir zusammen die Stücke hätten durchspielen können.

Wir fangen mit «Ave Maria» von Schubert an. Das ist ein einfaches Stück. Ich gebe das Tempo vor. Die Organistin beginnt. Nur: was ist das für eine Musik? Ich kann sie beim besten Willen nicht erkennen! Schubert? Wohl eher nicht! Wir machen einen zweiten Versuch: vielleicht Strawinsky? Also gut. Ich spiele das „Ave Maria“ als Solo-Stück. Kein Problem.

Zweites Stück, langsamer Satz Händel. Gleicher Verlauf: nicht identifizierbare Tonwolken, Cluster und viele aleatorische Rhythmik-Elemente. Albinoni also auch als Solo-Stück.

Versuchen wir’s mit dem Ausgangspiel. Das sollte auf Wunsch der Angehörigen ein optimistisches (!) Stück sein. «Ayre» von Clarke steht auf dem Programm. Ich ahne Schlimmes. Auch Clarke ist beim besten Willen nicht zu schaffen und nicht als solcher erkennbar.

Es bleiben 20 Minuten. Ich werde allmählich etwas unruhig … Da hat meine liebenswerte Begleiterin die zündende Idee, dass sie ja kürzlich mit meinem Kollegen gespielt hatte. Diese Noten hat sie zum Glück noch dabei. Und siehe da: Das Allegro verdient den Namen zwar nicht, aber immerhin konnten wir doch noch ein Stück gemeinsam zum Besten geben. So konnten wir dem Verstorbenen doch noch einen ehrwürdigen musikalischen Abschied bereiten!

Blackout

Vor einigen Jahren waren wir mit der Second Line Big Band an den Jazz Nights in Langnau zu Gast. Unseren bewährten Sänger Peter Urfer hatten wir auch im Gepäck.

Es ist üblich, dass bei Konzertprogrammen mit Sängern zuerst die Band einen Instrumental zum Besten gibt. Der Opener wird also eingezählt und die Band beginnt zu spielen.

Nach dem Thema geht es in die Soli und alle haben bereits eine Menge Spass am swingenden Groove. Doch dann: plötzlich geht das Licht aus. Es wird nicht nur finster, es ist richtig dunkel!! Schwarz, Blackout!

Die Band spielt tapfer weiter. Der Solist beendet seinen Blindflug und die Band sollte mit dem Tutti einsetzen – nur, es ist Nacht und niemand kann etwas sehen… Unser Bandleader Rolf Häsler ruft der Rhythmus-Gruppe zu:

1-6-2-5 in F – schrumm…schrumm…schrumm

Dann, nach gefühlten 5 Minuten geht das Licht wieder an und wir nähern uns erleichtert der Coda. So haben wir den Titel „I’m beginning to see the light“ (sic!) doch noch sauber zu Ende gespielt.

 

P.S. Sie fragen sich, wieso das Licht ausging? Unser Sänger hat während des Openers versucht, seinen Mini-Disc-Player in Position zu setzen und dazu den Hauptstecker beim Licht- und Audiopult erwischt ...

Das hinterlässt Spuren

Gestern fand in der Kirche Unterseen die Hauptprobe zu den Gospelkonzerten am kommenden Wochenende statt. Als Trompeter und Organisator bin ich mit von der Partie.

Links und rechts vom Taufstein hat es auf den tönernen Bodenplatten Brandmale, die aussehen, als wären sie mit halbmondförmigen Backförmchen in die Platten geritzt worden.

Ich erinnere mich an deren Entstehungsgeschichte. Vor etwa fünf Jahren spielte ich zusammen mit Hans Häsler an der Orgel ein Abdankung im benannten Gotteshaus.

Die Verstorbene war im achtzigsten Lebensjahr verblichen und die Angehörigen arrangierten in der Kirche eine liebevolle Dekoration mit Blumen und Kerzen. Links und rechts vom Taufstein

formten sie mit insgesamt achtzig Rechaudkerzen zwei Herzen, die sie dann zu Beginn der Liturgie sorgfältig anzündeten. Wir spielten in diesem besinnlichen Ambiente einen schönen Satz aus einer Telemann-Sonate als Eingangsspiel.

Danach folgte der Lebenslauf und nach einem zweiten Zwischenspiel die Predigt. Die Kerzen hatten zu diesem Zeitpunkt schon eine hohe Temperatur entwickelt und plötzlich ging alles sehr schnell. 

Das Herz links vom Taufaltar begann lichterloh zu brennen - der Wachs wwar so heiss geworden, dass er zu brennen anfing. Ein paar Sekunden später loderte es auch schon auf der anderen Seite.

Dicker Rauch stieg empor und der Sigrist eilte mit einer Feuerdecke zu Hilfe. Mit Hilfe der Pfarrerin und einigen Trauergästen konnten die beiden brennenden Herzen gelöscht werden.

Der Rauch in der Kirche war allerdings derart dick und stechend, dass die Feier unterbrochen werden musste. Fenster und Türen wurden geöffnet und nach zehn Minuten wurde die Abdankung im immer noch dichten Nebel fortgesetzt.

Wenn man dem Husten im Raum zuhörte, wähnte man sich im Lungensanatorium Heilgenschwendi. Das Ausgangsspiel fand unter erschwerten atmosphärischen Bedingungen statt, wurde aber nicht mit einem Risikozuschlag belohnt...

Fazit. manchmal hinterlässt man auch noch nach seinem Ableben Spuren...

San Remo

Während der Jahre 1989 und 1990 spielte ich mit Philip Fankhauser und der Checkerboard Blues Band im Bläsersatz. Eine der ersten Stationen war das renommierte Festival in San Remo. Der riesige Konzertsaal mit den über tausend roten Plüschsesseln war eine eindrückliche Kulisse. Dazu kam, dass die kurzen Auftritte der verschiedenen Bands direkt im italienischen Sender RAI UNO übertragen wurden. Die Fernsehleute waren von Anfang an im Stress, um die für jede Band vorgesehenen Sendezeiten einzuhalten. Die Bands mussten bereits im Vorfeld die genaue Dauer der Stücke angeben – bei einer Blues-Band mit offenen Soli eine recht sportliches Anliegen. Geplant waren drei Stücke. Wir legten mit unserer amerikanischen Gast-Sängerin Margie Evans fulminant los. Im dritten Stück war ein Schlagzeug-Solo geplant. Wir spielten also bis zum Beginn des Drum-Solos. Unser Schlagzeuger hatte es sich zur Angewohnheit gemacht, nach ein paar Takten Solo-Donner einen Abschlag zu spielen und dann jeweils ein paar Sekunden zu warten, um die Spannung in seinem Solo zu erhöhen. Leider hatte er dabei die Rechnung ohne die italienischen TV-Leute gemacht. Bereits beim ersten Break hatten diese nämlich seinen kreativen Stop als Abschluss des Stückes interpretiert und die Moderatorin trat „Bravi! Bravi! Bravi!“ schreiend und mit einem Blumenstrauss für unsere Sängerin in der Hand, auf die Bühne. Wir waren alle ziemlich überrascht und verdutzt. Schliesslich brach Margie mit einem lauten Lacher das Eis und wir verliessen schmunzelnd die Bühne.

Erstmals in der Musikgeschichte, wurde ein Auftritt durch ein Schlagzeug-Solo beendet.

Transposition

Seit meiner Studienzeit am Konservatorium Bern in den 1980er-Jahren, spielte ich an zahlreichen Abdankungen, Hochzeiten und anderen kirchlichen Anlässen.

Während des Studiums war meine berufliche Ausrichtung als Musiker noch nicht festgelegt. Deshalb arbeitete ich mit meinem Lehrer sehr oft an Orchesterstellen, um für eine allfällige Orchesterlaufbahn gewappnet zu sein. Das sollte mir einmal „das (Musiker-)Leben retten“:

An einer Abdankungsfeier im Krematorium Thun (ganz am Anfang meines Studiums) spielte ich wie üblich das Eingangsspiel und ein Zwischenspiel. An diesem Gottesdienst erledigte ich diese Aufgabe mit der Trompete in B. Während des Zwischenspiels bemerkte ich schon, dass eines der drei Ventile etwas harzig zu bedienen war. Nachdem ich das Zwischenspiel beendet hatte, begann der Pfarrer mit der Predigt und ich machte mich ans Ölen des besagten Ventils. Je mehr Öl ich an das Ventil schmierte, desto weniger funktionierte es. Die Intonation des Pfarrers deutete jetzt bereits auf das Ende der Predigt hin ("sonst machen die doch immer länger!!“). Mein Puls stieg allmählich, Schweissperlen glänzten auf meiner Stirn. Offensichtlich hatte sich beim Zylinder etwas Metall gelöst (hervorgerufen durch meinen „aggressiven“ Speichel, wie ich später erfuhr). Der Pfarrer kam definitiv zum Ende und ich musste jetzt handeln. Zum Glück hatte ich neben der Trompete in B auch noch meine Orchester-Trompete in C dabei. Es blieb mir also nichts anderes übrig, als transponierend und mit höchster Konzentration und Anspannung das Ausgangsspiel zu bestreiten. Zum Glück hatte ich in den ersten paar Monaten meines Studiums bereits einigermassen gelernt, wie man ein Musikstück transponiert. So hat wohl niemand in der Trauergemeinde gemerkt, dass mich dieses Ausgangsspiel um ein paar Jahre altern liess...

Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen

Im letzten Newsletter hatte ich Sie vertröstet, weil das zu beschreibende Ereignis noch so neu und noch so unverarbeitet war, dass ich es zuerst mit meinem Therapeuten behandeln musste.

Ich habe es jetzt doch ohne Psychiater geschafft und werde eine weitere peinliche Episode aus meinem Musikerleben preisgeben. Ein Verheimlichungsversuch wäre zwecklos, da es zahlreiche Zeugen gibt.

Anfang Dezember waren wir mit der Sinatra Tribute Band in Chur. Als Bandleader habe ich bei diesem Orchester immer an viele Dinge zu denken, die den Weg an den Konzertort finden müssen: Noten, Ständer, Lampen, Gagen, Verträge und natürlich meine persönlichen Sachen wie Trompete, Dämpfer, Smoking etc.

Damit nichts schief gehen kann, habe ich mir vor langer Zeit eine Checkliste gebastelt. Sie hilft mir, nichts zu vergessen. Das heisst: sie sollte das. Dafür wäre sie gedacht. Ich meine, das ist der Grund ihrer Existenz...

So habe ich auch im Dezember vor der Abfahrt nach Chur die Checkliste abgearbeitet und in meinem Korridor alles bereitgestellt. Wir fahren los, angenehme Reise. Kurz vor Chur, ich habe meinen Tempomaten im 80er auf 100 eingestellt. Und schon blitzt es mir fröhlich ins Gesicht, ohne einen erlösenden Donner hinterher. Na gut. Kann passieren. Ein Teil der Gage ist also bereits verdampft (und wie Sie alle wissen, sind unsere Gagen ja exorbitant hoch…).

Beim Venue fahren wir direkt vor die Türe. Es ist 16 Uhr. Ich öffne den Kofferraum: da findet sich ein Saxophon, die Noten, die Kleider, die Ständer und vieles mehr. Eine Kleinigkeit fehlt: mein Trompetenkoffer! Ich bleibe erstaunlich ruhig. Bitte meinen Bruder die Musikgeschäfte in Chur auf dem Handy abzuklären. Es gibt tatsächlich ein Musikhaus in Chur! Ich rufe an, bekomme eine recht schroffe Antwort des Geschäftsinhabers: „Wir vermieten keine Trompeten!“. Gutes Zureden, ich appelliere an sein Mitgefühl für Musiker. „Vielleicht kann unser Werkstatt-Chef ihnen weiterhelfen.“ Und tatsächlich. Er hat gerade eine alte „Reynolds“ revidiert und gibt sie mir zum Preis von zwei Monatsmieten für einen Abend. Den Feilsch-Gedanken habe ich blitzschnell verworfen und habe mir das Horn abgeholt. Die Gage war damit auch bereits halbiert. Aber das war in diesem Moment auch schon egal.

So habe ich den ganzen Abend ohne Dämpfer und auch ohne Flügelhorn bestritten (die waren nämlich auch im Koffer) und ich bin mir ziemlich sicher, dass im Publikum kaum jemand etwas bemerkt hat. Da ich im Auto immer ein Ersatzmundstück dabeihabe (schliesslich kennt man ja seine Stärken und Schwächen nach bald 50 Jahren etwas), war ich an dieser Front zumindest nicht aufgeschmissen. Ein Sinatra-Programm ohne eigenes Mundstück zu spielen, hätte mich dann doch kolossal gestresst...

Natürlich durfte und darf ich mir von meinen Bandkollegen viele nette Sprüche anhören. Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen.

Aber das Konzert hat trotzdem Spass gemacht!

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